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Belser Kerkfoiert

Die Berger machen gern ihren sonntäglichen Ausgang nach Amtsrichters Busch. Sie pflegen dann an den Belser Wiesen entlang zu gehen, bis sie an die Winser Straße kommen. Dabei müssen sie verschiedene tiefe Einschnitte durchqueren, die sich in der Böschung am Waldrande befinden. Es sind dies die "dowen" Wege, ausgefahrene Fuhrgelese des alten Belser Kirchweges. Hier war die Belser Kerkfoiert, die Kirchfurt, die über die Wiesen und über die Mieste führte. Pferd und Wagen mussten durch das Wasser. Für die Fußgänger aber war ein Steg errichtet. Er hatte drei Abschnitte: der erste bestand aus einer einzigen Bohle und führte über einen Graben, der mittlere hatte zwei Bohlen und war über die sumpfige Bruchwiese gelegt; der dritte, der über die Mieste ging, hatte aber wieder nur eine Bohle.

Ein Geländer war nicht vorhanden. Jeder fürchtete sich, im Dunkeln die Kerkfoiert zu überschreiten; denn es war hier nicht geheuer. Gar mancher hatte dort einen großen Mann am Wege stehen sehen. Wenn er das aber am andern Tage in Belsen erzählte, dann lachte man ihn aus: das wäre eine von den Kopfweiden gewesen, die am Kirchwege standen. Ja, beim hellen Sonnenschein konnte man das wohl sagen; aber abends konnte man doch nicht wissen, ob es nur ein Baum sei; außerdem waren Bäume nicht so groß und gespensterhaft. Ja, es war unheimlich an der Belser Kerkfoiert.

Der "Wischwohr" (Wiesenwärter) von der Susenburg hatte seine Braut in Hagen besucht. Es war an einem nebligen Herbsttage, und die Dämmerung wollte eben anbrechen, als er fortging. Als er aber zurückkam, war es so dunkel, dass er den Weg mit dem Fuße fühlen musste. So kam er an den Kerksteg. Es war ihm klar, dass er nur dann sicher hinüber käme, wenn er kriechen würde. So ließ er sich auf die Knie nieder und tastete sich vorsichtig auf dem schmalen Brett entlang. Auf dem mittleren Steg aber kam er schneller vorwärts. Doch wie fuhr ihm der Schreck durch die Glieder, als er plötzlich gegen etwas Dunkles stieß, das auf dem Stege hockte! Schnell kroch er einige Schritte zurück. Angestrengt lauschte und spähte er in die Dunkelheit; aber vernahm nichts als das Plätschern des Wassers. Er konnte ja nicht wissen, dass ihm gegenüber auf dem Steg auch ein Mann saß, der sich ebenso sehr erschrocken hatte und nun auch in die Nacht hinaus horchte. Es war ein Bauernsohn aus Hagen, der seine Braut in Belsen besucht hatte und sich auch auf dem Heimwege befand. Schließlich hatte sich der Wischwohr etwas erholt und fing wieder an, langsam vorwärts zu kriechen.

Auch der Häger trat den Vormarsch wieder an. Beide fuhren aber wieder zurück, und es dauerte ziemlich lange, bis er es zum dritten Male versuchte, über den Steg zu kommen. Doch da das Gespenst immer noch auf der Bohle hockte, gab er es auf hinüberzukommen. Eine halbe Stunde später klopfte er bei seinem Schwiegervater in Hagen ans Fenster: sie müssten ihn die Nacht behalten, da ihm an der Belser Kerkfoirt etwas Schreckliches begegnet sei. Am nächsten Morgen machte er sich sehr zeitig auf dem Weg, damit ihn nicht erst die Leute im Hause zu sehen bekämen. Als er an den Steg kam, sah er im Nebel einen Mann entgegen kommen. Auch dem Häger war es zu unheimlich auf dem Kerksteg geworden, und er war nach Belsen zurückgegangen. Nun standen die beiden Bräutigame einander gegenüber, und als sie sich erkannt hatten, da wussten sie beide, welches Gespenst gestern abend auf der Bohle gehockt hatte. Sie verständigten sich, damit niemand ihr Abenteuer gewahr würde und sie nicht wieder einmal auf dem Steg zusammenträfen.

Eines Abends war auf Kauers Hof in Belsen das Brennöl ausgegangen. Sie pflegten wohl den Docht mit Schmalz zu bestreichen; dann hielt der Krüsel noch den Abend genug aus. Nun hatten sie auf dem Hofe einen Knecht aus Wardböhmen, der hieß Winkelmann und war ein dreister Kerl. Er nahm die Ölkruke und ging nach Bergen, um sie beim Krämer füllen zu lassen. Als er auf dem Rückwege wieder an die Kerkfoiert kam, war es ziemlich dunkel geworden. Winkelmann war schon fast über den Steg hinüber, als mit einem Male ein großer schwarzer Kerl am Weg stand. Der Knecht rief ihm zu: "Wuld du woll weg, süß slah ick dick dei Öljekruken an'n Döz!" Der Kerl geht aber nicht fort; Winkelmann schlägt zu und springt schnell ans Ufer. Leider ist die Ölkruke entzwei; doch Winkelmann ist froh, dass er dem Kerl tüchtig eins versetzt hat. Einen ähnlichen Schwank erzählt man sich vom Jarnser Kirchsteig.

Quelle: Paul Alpers und Georg Breling (Hrsg.): Celler Sagen aus Stadt und Land, Celle 1949